Unter unserer Nasenwurzel

Unter unserer Nasenwurzel

Unter unserer Nasenwurzel liegt ein kleines Nervenbündel –
nicht größer als ein Reiskorn.

Dieses kleine Nervenbündel gibt den Takt an für all die kleinen inneren Uhren, die in jeder Zelle unseres Körpers sitzen. Wie munter und gut wir uns fühlen, hängt von diesen unzähligen winzigen Chronographen ab und davon, ob sie mit dem äußeren Wechsel von Tag und Nacht im Einklang stehen. Sind wir aufgeweckt oder doch müde? Das kleine Nervenbündel an unserer Nase steuert die Zeiger. Und: scheint uns die Sonne ins Gesicht, sorgt es dafür, dass wir uns gut fühlen.

Seit Jahrhunderten wird die Kraft der Sonne wissenschaftlich erforscht. Noch länger ranken sich Mythen und Geschichten um ihre Wirkung.

Der Mensch braucht die Sonne aus vielerlei Gründen:  Sie spendet Nahrung und Energie, sorgt für Regen, und sie hält den Erdball an seinem angestammten Platz im Universum. Die Sonne verhilft uns zu Gesundheit und, ebenso wichtig, zu guter Laune. Ihre Bedeutung für den Menschen schlägt sich in Brauchtum und Ritualen nieder, die an jenem Tag im Jahr ihren Höhepunkt finden, an dem das Gestirn am längsten am Himmel steht: zur Sommersonnenwende am 20. Juni, wenn es seine nördlichste Position auf der Himmelskugel erreicht hat und uns die kürzeste Nacht des Jahres und den längsten Tag beschert.

ALTE LEGENDEN: SPRECHENDE PFERDE UND TANZENDE ELFEN

Auf der Erde hat sich die gesamte Evolution unter dem Licht der Sonne vollzogen. Viele frühe Kulturen verehrten die Sonne als Gottheit und beschworen ihre tägliche Wiederkehr mit magischen Zeremonien.

Der nach Osten ausgelegte Altar in christlichen Kirchen zeugt nach Meinung einiger Forscher noch heute von der ursprünglichen Sonnenverehrung.

Schon in der Steinzeit bauten Menschen Kreisgrabenanlagen, die die Sommersonnenwende anzeigten.

Im heidnischen Mitteleuropa war dieses Datum der Höhepunkt im Jahreskreis. Seit Jahrtausenden haben Menschen zur Mittsommernacht Rituale vollzogen, um ihr Glück, ihre Zukunft, die Ernte, ihre Gesundheit oder die Liebe zu beschwören und zu beeinflussen.

In dieser Zeit des Jahres, in der die Natur in ihrer ganzen Pracht pulsiert. und Fruchtbarkeit riechen und schmecken lässt, feierten Menschen immer schon ausgelassene Feste.

Seit jeher galt die kürzeste Nacht des Jahres als sagenumwoben und geheimnis-umwittert. Die Mittsommernacht hielt – so glaubten es die Menschen – die Möglichkeit offen für Begegnungen zwischen den Welten:

Es hieß, Götter und Naturgeister, Hexen und Dämonen würden in dieser besonderen Nacht in die Menschenwelt kommen und gemeinsam mit ihnen tanzen. In Höhlen -so die Überlieferung- würden sich im magischen Dunkel verschollene Schätze finden lassen und in Bächen und Seen versunkene Glocken läuten.

Alte Erzählungen berichten von Zwergen, die unter Holunderbüschen Hochzeit feiern, von Pferden, die anfangen zu sprechen, und von Elfen, die man tanzen sehen könne, wenn man sich die Augen mit Farnsporn einreibt.

Die lodernden Flammen der Sonnwendfeuer galten als lebendige Wesen mit göttlicher Macht. Seinen Ursprung – so glaubten die Kelten – hätte das Feuer in einem herabgefallenen Funken Sonnenglut.

Beim Tanzen rund um die Feuerstelle trugen sie einen Gürtel aus Beifuß oder Bärlapp, der die reinigenden Kräfte der Sonne in seinen Träger fließen lassen sollte. In ihr Haar flochten sie Kränze aus Blumen wie Gundermann oder Johanniskraut, von denen sie erwarteten, sie würden Ekstase-Fähigkeit und Hellsichtigkeit stärken und gleichzeitig Potenz und Fruchtbarkeit steigern.

LEBENDIGES BRAUCHTUM: GIPFELFEUER UND FLAMMENTÄNZE

Nach der Christianisierung versuchte die katholische Kirche bald, die Tradition der Sommersonnwendfeiern abzuschaffen.

Bloß: Alle Versuche, den Menschen das Fest abzuringen, scheiterten.

In einer Münchener Chronik ist überliefert, dass im Mittelalter sogar inmitten der Städte Sonnwendfeuer entzündet wurden – was regelmäßig zu großen Bränden führte.

Schließlich legte die Kirche den Gendenktag für Johannes den Täufer auf den 24. Juni – und übernahm zahlreiche heidnische Bräuche, die bis heute in vielen Gegenden des Landes ihre Gültigkeit haben.

In Bayern werden große Sonnwendfeuer beispielsweise in Iffeldorf und Bernried entzündet. Spektakuläre Bergfeuer, zum Teil auch mit illuminierten Kreuzen, gibt es auf dem Wallberg, dem Wank, dem Leonhardstein, dem Brauneck, der Kampenwand, auf dem Pfänder in Allgäu sowie bei der Steckalm am Sudelfeld.

Und um den Talkessel um Ehrwald, Lermoos und Biberwier herum sind es gar 300 große Feuer, dazu leuchten 10.000 Lagerfeuer und Fackeln – ein imposantes und unvergessliches Bild, das seit 2010 ganz offiziell zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO zählt.

Auch im Nachbarland Österreich ziehen sich im Salzburger Land zur Sommersonnenwende Bergfeuer wie Lichterketten von Gipfel zu Gipfel.

Die Menschen im Salzkammergut binden Puppen aus Stroh, genannt Sunnawendhansl und Sunnawendgretl, und werfen sie als kleine Opfergaben in die Flammen. In den Feuern lodern oft Reste des Maibaums, getrockneter Fronleichnams-Schmuck und Osterbuschen oder alte Besen.

Der Gürtel aus Beifuß, den man beim Tanzen ums Feuer trägt, wird „zusammen mit allen Anfeindungen” in der Glut verbrannt. Die Asche wird anschließend in der Hoffnung auf gute Ernte auf den Feldern verstreut. Aberglaube, der um die Mittsommernacht seit jeher bunte Blüten treibt.

DIE KÜRZESTE NACHT: GESEGNETE KINDER UND VERLIEBTE FRAUEN

So sagt man: Der Sprung über das Lagerfeuer soll böse Geister vertreiben, Krankheiten lindern oder davor schützen. Je höher er gelingt, desto höher wachsen Lein und Hanf.

Einem Pärchen, das händchenhaltend den Satz über die lodernden Flammen schafft, wird eine baldige Hochzeit vorausgesagt.

Ein in der Mittsommernacht gezeugtes Kind soll besonders gesegnet sein; und wer verliebt ist und im Dunkel der Sommer-Sonnenwende Glühwürmchen sieht, dessen Liebe steht unter einem guten Stern.

Weht der Rauch der Sonnwendfeuer weit und niedrig über die Felder, wird die Ernte gut.

Auch für unverheiratete Mädchen tut sich dem Volksglauben nach in dieser Nacht ein Fenster der Hoffnung auf. Pflücken sie zur Sonnenwende schweigend sieben Sorten wilder Blumen von sieben verschiedenen Wiesen, erscheint ihnen im Traum der richtige Mann, sofern sie den Strauß vor dem Schlafengehen unter ihr Kopfkissen legen.

MIT DER KRAFT DER SONNE: HEILSAME PFLANZEN UND FRÖHLICHE MENSCHEN

Blumen und Heilpflanzen sollen zu Mittsommer eine besondere Wirkung entfalten. Für viele Pflanzen ist die Sommersonnen-Wende ein Lostag: Zu diesem Zeitpunkt ist die Sonnenenergie in ihnen am höchsten. Werden sie zu Mittsommer geerntet, wirken sie äußerst heilsam auf Seele und Körper und geben ihre gespeicherte Sonnenenergie großzügig ab.

Zu diesen Pflanzen gehören das Johanniskraut, das antidepressiv und entzündungshemmendwirkt oder auch die Königskerze, die schon Hildegard von Bingen gegen Depressionen einsetzte.

Johanniskraut
Königskerze

Jene Pflanzen, die der Sonne besonders nahestehen, erkennt man an ihrer leuchtend gelben Farbe – oder daran, dass sie ihre Blüten mit Sonnenaufgang öffnen, wie Gänseblümchen, Ringelblume oder Wegwarte, die auch „Sonnenbraut” oder „Sonnenwirbel” genannt wird.

Auch wir Menschen blühen auf, wenn uns die Sonne ins Gesicht scheint. Der griechische Mediziner Antyllos empfahl bereits um 150 n. Chr. „ein Sonnenbad als ideales Mittel, um den Körper zu stärken und zu straffen, die Leistungsfähigkeit zu erhöhen und die Abwehrkräfte zu unterstützen”.

Die Wissenschaft unterstützt diese jahrtausendealte Erfahrung: Sonnenstrahlen auf der Haut machen uns fröhlicher, wacher und aktiver.

… und eben dafür sorgt jenes kleine, reiskorngroße Nervenbündel,
versteckt hinter unserer Nasenwurzel.

Schreibe einen Kommentar